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TÜRMEN

Ein Mann wird am Strand aufgegriffen. Er hat sich in die Wellen gestürzt. Alles, was auf seine Identität schließen lassen könnte, hat er vorher entfernt. Nun sitzt er in einem Hospital und antwortet nicht auf die Fragen der Ärzte und Journalisten. Stattdessen malt er ein Klavier. Man nennt ihn deshalb den Klavierspieler. Aber kann er überhaupt Klavier spielen?

Moritz Schwan ist ein Bauernjunge, der es nicht mehr in den Bergen aushält, weil man dort Kopfschmerzen bekommt. Sie sagen, der Moritz tickt nicht richtig. Der Vater schlägt ihn, um aus ihm einen tüchtigen Bauern zu machen. Moritz aber will kein Bauer sein, sondern Seemann. Seine Mutter ist gestorben. Er sucht nach einem Zuhörer. Er will nach Paris, weil Romy Schneider dort war. Moritz hat seine eigene Theorie über Romys Unglück. Wer zu lange in den Bergen verbringt, wird verrückt.

Moritz möchte über die Wellen gleiten und stürzt sich deshalb in das Meer. Niemand kennt ihn hier in der Anstalt, aber jeder glaubt, ihn zu kennen. Die Öffentlichkeit entwirft ein eigenes Bild von ihm. Für sie ist Moritz ein verschollener Konzertpianist. Das Unglück ist ein Glücksfall für Moritz Schwan. Er kann Klavierspieler sein, darf aber auch alles andere sein.





Das Stück ist eine moderne Variante des Kaspar Hausers. Von ihm selbst erzählt. Ein Stück über Identität und Mythos, wie der Mensch durch den Mythos eine neue Identität annehmen kann. Der schweigsame Moritz will in ein Taxi steigen und sich ein Schnitzel bestellen. Man braucht Einssiebzig zum Türmen.

Moritz Schwan: Ich bin getürmt. Für Einssiebzig in die Freiheit. Ein Bauernjunge am Klavier und seitdem stürmt ein Blitzlichtgewitter. Sie dichten mir einige Künste an. Sie erfinden eine Geschichte für mich, damit eine Geschichte stattfindet. Sie wollen die Druckerschwärze nicht umsonst gedruckt haben. Sie meinen, eine Sonate gehört zu haben. Auf einem Klavier. Es war kein Radio oder ein Plattenspieler. Nein, ein Klavier. Draußen stehen sie sich die Füße in den Bauch. Sie drücken sich die Nasen an den Fenstern platt. Sie wollen mich Klavierspielen sehen. Sie bringen mir ein Klavier wie Sie dem Affen einen Ball in den Käfig werfen. Ich fange den Ball auf.




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