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SPINNEN

Simons Mutter ist gestorben. Simon hält den Vater für den Mörder. Auch deshalb, weil der Vater eine andere Frau ins Haus holt. Hilde Kessler nimmt fortan den Platz der verstorbenen Mutter ein. Simons Welt kippt aus den Fugen. Es wohnen Monster in den Tapeten. Seit dieser Tragödie hat Simon Klepp zwei Wahrheiten. Zu jeder Wahrheit gehört aber mindestens ein kleiner Betrug. Wie ist die Mutter wirklich ums Leben gekommen?

Um den Wahrheiten auf den Grund zu gehen, führt Simon ein Tagebuch. Der Mensch kann mehrere Existenzen gleichzeitig sein, abhängig von bestimmten Situationen. Simon ist mehrere Existenzen; er ist zum Beispiel auch der Boxer Smokin' Joe. Er kann die Wirklichkeiten nicht voneinander unterscheiden.

Er kehrt zwanzig Jahre später aus der Anstalt "Übersee" in ein offenes Heim zurück. Die Heimwärterin kommt ihm bekannt vor. Woher kennt er diese Frau, deren Brüste ihn wild machen? Seine Mitbewohner im Heim, Hock, Schnabel und Metzer, stehlen ihm sein Tagebuch. Sie sind merkwürdige Spinnentiere, die ihn unnachgiebig verfolgen. Das Stück ist das Tagebuch einer Krankheit. Die Personen im Stück balanzieren zwischen der Unerträglichkeit des Seins und den Sehnsüchten, nach einem anderen Leben. Das Viertel ist von den Kriegen gezeichnet, von den inneren und äußeren Schlachten. Simon muss noch einen Mord begehen.






Vater: Da sitzen wir dann, nach zwanzig Jahren. Die giftigen Lacke haben die Lungen ruiniert. Ich habe das Viertel mehrmals angestrichen. Es hat nichts genützt, die Wände sind wieder verrußt. Die chemischen Farben haben nicht geholfen. Das ganze Viertel dampfte. Wer nicht an der Staublunge krepierte, starb an den Farbausdünstungen.
Mutter: Du warst sehr tüchtig. Die Wände waren wunderbar weiß.
Vater: Es hat nichts genützt. Und dir? Wie geht es dir?
Mutter: Wie soll es mir schon gehen? Zwanzig Jahre in der Erde. Ich habe mich über die Zwiebeln gefreut. Über die Zwiebeln, die du gepflanzt hast. Ich habe mich all die Jahre gefragt, warum du keine Blumen ins Beet gesetzt hast?
Vater: Er verwechselt Tulpen und Zwiebeln. Simon kann sie nicht voneinander unterscheiden. Er hat eine Schraube locker. Simon spinnt. Er ist ein Spinner.
Mutter: Simon ist ein gebrechlicher Junge. Er ist nicht behindert, nur schwächlich. Die einfachsten Handlungen stellen manchmal hohe Hindernisse für ihn da. Waschen, anziehen, essen. Eine Brücke überqueren.
Vater: Der Junge spinnt. Er sieht Gespenster. Er dreht die Wahrheit um, wie man eine Münze umdreht. Er sieht Monster in den Tapeten. Seine Fetzen sehen wie ein Pyjama aus. Jämmerlich sieht er aus. Pyjämalich.
Mutter: Er ist nur ein langer Mast, der leicht im Sturm bricht.




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